
Das Rad neu erfunden - Gemeinhin wird bei Neuerscheinungen im epistemologischen Bereich der Geisteswissenschaften mit Superlativen nicht gegeizt - oft genug gerade dann, wenn das betreffende Werk (auch für den Rezensenten?) nicht mehr verständlich ist. Bei diesem Buch liegen die Dinge radikal anders: Ein harmloses schmales Bändchen, kompetent und dennoch verständlich, ja streckenweise geradezu im Plauderton verfasst, reicht aus, um die Paradigmenlandschaft eines ganzen Jahrhunderts zu vernichten: Nichts weniger als einen theoretischen Neuansatz, der einen seit mehr als hundert Jahren verloren geglaubten Faden der Forschung wieder aufnimmt und damit die momentane Diskussion buchstäblich auf den Kopf stellt, bietet Gumbrecht in seinem fünf kleine Aufsätze fassenden Werk. In loser Verbindung wird hierbei auf die Problemlast und Blindheit einer nur auf die Technik der Interpretation fußenden Wissenschaft hingewiesen, und das Moment der Präsenz als nicht hintergehbares Prinzip des Seienden und dementsprechend Relevanten in den Vordergrund gerückt. Vor allem auf Basis der Ontologie Heideggers (hier tatsächlich verständlich referiert!)unternimmt Gumbrecht den Versuch, sowohl historische Längsschnitte als auch diachrone Querschnitte anzulegen und die hermeneutische als nur EINE, dazu geschichtlich gebundene Form der Aneignung von Wirklichkeit darzustellen, zu der es Alternativen gibt. Adaptierbar für nahezu alle Bereiche wissenschaftlicher Reflexion stellt dieses Buch ein - in erstaunlicher Leichtigkeit daherkommendes - Konzentrat an Impulsen für praktisches und (meta-)theoretisches wissenschaftliches Arbeiten bereit.