
Von den Wurzeln des Verstehens - Die Geschwindigkeit, mit der Hans-Georg Gadamers Wahrheit und Methode nach seiner Veröffentlichung 1960 zum Standardwerk avancierte, zeigt, wie groß zu diesem Zeitpunkt in philosophischen Kreisen das Bedürfnis war, die Grundzüge der Hermeneutik umfassend darzustellen. Gadamers sorgfältige Nachzeichnung der Entwicklung der Hermeneutik von ihren Wurzeln bei Aristoteles bis hin zu Martin Heidegger legte ein Fundament, auf das sich die nachfolgenden Forscher (u. a. Jürgen Habermas) unmittelbar bezogen und weiterhin beziehen. Mit der gleichen Gründlichkeit ordnet Gadamer in Wahrheit und Methode wesentliche hermeneutische Grundbegriffe wie Verstehen, Bildung, Erlebnis oder Erfahrung. Das Werk ist keine leichte Lektüre und setzt sehr viel geisteswissenschaftliches Vorwissen voraus, ist aber nach wie vor ein Meilenstein der deutschen Philosophie des 20. Jahrhunderts.
Was Verstehen in Wahrheit ist! - Gadamer zielt in seinem eine Transzendentalhermeneutik begründenden Werk Wahrheit und Methode primär auf die Wiedergewinnung des hermeneutischen Grundproblems ab. Die Wiedergewinnung erfolgt über den Rückgriff auf die Differenzierungslogik traditioneller Hermeneutik (subtilitas intelligendi, subtilitas explicandi, subtilitas applicandi), die aus dem Blick gerät, sobald Hermeneutik als hermeneutische Theorie auf ein Methodeninventar von Verstehensoperationen reduziert wird. Die reflexive Rückbesinnung auf die integralen Bedingungen des Verstehens im Verstehensgeschehen selber erhält Vorrang vor der instrumentalen Anwendung hermeneutischer Regeln und damit der Limitation der Hermeneutik auf ein bloßes Methodenproblem. Indem Gadamer nach den Bedingungsmöglichkeiten von Verstehen fragt, gewinnt Hermeneutik über den Verifikation- und Falsifikationsmodus neuzeitlicher Naturwissenschaft und der Verortung der Hermeneutik als Erkenntnismedium von Wahrheit in den Disziplinen der Geisteswissenschaften (Historie, Philologie, Theologie, Philosophie, Jurisprudenz) hinaus einen die menschliche Welterfahrung insgesamt umfassenden universalen Geltungsanspruch. Menschliche Welterfahrung ist hermeneutische Erfahrung und ist wesentlich Verstehen. Mit Heidegger gesprochen: Verstehen ist die Seinsweise des Daseins selber. Gadamers Diktum, dass Verstehen nicht nur die Grundoperation geisteswissenschaftlicher Methodik ausmacht und aller Wissenschaft eine hermeneutische Komponente innewohnt, sondern Verstehen ein hermeneutisches Universum umfasst, das Interpret und Interpretament, Heute und Gestern, Gegenwart und Geschichte, Fremdheit und Vertrautheit, die die Überlieferung für uns hat, einschließt, hat ihn den Ruf eines Fundamentalhermeneutikers eingebracht.Der im Wissenschaftsdiskurs vorherrschende Aberglaube, das Subjekt des Forschers vom Objekt seiner Erkenntnis (Texte) zu reinigen und ihm die distanzierte Rolle der arroganten Beobachterperspektive zuzuschreiben, straft dieses gelehrsame Buch Lügen. Subjektive Vor-Urteile und Meinungen spielen immer eine Rolle im Verstehensprozess, so wie die im Text enthaltenden Meinungen ebenso Anspruch auf Geltung haben. Die Gadamer sche Pointe ist nun die, dass gerade diese Vorbedingungen die Bedingungen des Verstehens selbst ausmachen und Verstehen im gemeinsamen Verständigen DURCH diese doppelten Interpret- und Texthorizonte zustande kommt.